Das Fadenkreuz in der (Medien)Geschichte

Links: Screenshot von Sarah Palins Homepage
(http://paulsnewsline.blogspot.com/2011/01/sarah-palin-lets-take-back-20-together.html) Rechts: Strichkreuzplatte (Fadenkreuz) für Zielfernrohre etc.

Nach dem Attentat auf die demokratische Kongreßabgeordnete Gabrielle Giffords ist die Rede davon, dass Sarah Palin und ihre aggressive Rhetorik  eine moralische Mitschuld an der Vergiftung des politischen Klimas tragen. Dabei wurde u. a. auf die – nicht mehr im Netz stehende -  Seite ihrer Homepage verwiesen, auf der Wahlkreise von demokratischen Abgeordneten, die für die Gesundheitsreform gestimmt hatten, mit einem Fadenkreuz gekennzeichnet waren (siehe oben). Ihre Pressesprecherin erklärte demgegenüber, es habe sich hier gar nicht um das Fadenkreuze eines Zielfernrohrs gehandelt: “Die Fadenkreuze seien vielmehr Symbole aus der Vermessungstechnik.“ (Reymer Klüver: Die Stunde der Maulhelden, in: Süddeutsche Zeitung 11.01.2011, S. 2)
Angesichts der ingesamt ausgesprochenen aggressiven Stimmungsmache ist dieser Entlastungsversuch zwar dreist, die Aussage als solche ist jedoch nicht falsch.
Die Nutzung des Fadenkreuzes geht auf den Astronomen Johannes Kepler (1571 – 1630) zurück. Er verbesserte nicht nur das von Galilei in die Wissenschaft eingeführte Fernrohr entscheidend , sondern ergänzte es durch ein Fadenkreuz. Dieses kann dann gleichzeitig mit dem betrachteten Objekt scharf gesehen werden, es ”schneidet“ sozusagen zwei Linien aus dem Bild heraus und erlaubt so das genaue Anpeilen von Objektpunkten, was u. a. im Vermessungswesen und in der Astronomie von Bedeutung ist.  Für Kepler war das Fadenkreuz wichtig, um die Bewegungen und Stand der Gestirne zueinander zu messen und  berechnen zu können. Ein Ergebnis seiner jahrlangen Beobachtung der Planetenbewegung waren sie sog.  die „Rudolphinischen Tafeln“.  Diese „Tafeln“ enthalten die bis dahin genauesten Tabellen der Planetenbewegungen. Diese „Tafeln“ oder „Ephemeriden“, also „Tageblätter“, aus denen die jeweilige Position der Planeten abgelesen werden kann, wurden von Seefahrern zur Navigation benutzt. Derartige Berechnungen der Planetenbewegungen waren, solange es keine Chronometer gab, die trotz der Schiffsbewegungen einen genaue Zeitmessung ermöglichten, eine wichtige Voraussetzung dafür, dass Seefahrer auf hoher See, außerhalb der Sichtweite der Küste, ihre Position bestimmen konnten.
Um ihm die komplizierten und umfangreichen Berechnungen, die für die Erstellung dieser Tafeln notwendig waren, zu erleichtern, konstruierte der Tübinger Professor Wilhelm Schickard für seinen Freund Johannes Kepler die erste mechanische, zahnradgetriebene Rechenmaschine für die vier Grundrechenarten.

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